Janina Zang


Ikonografin und Künstlerin

Nicht wir schauen auf die Ikone, sondern die Ikone schaut auf uns.
Nicht wir suchen die Ikone, sondern die Ikone sucht uns.

Pater Bernhard von der Abtei Hagia Maria Zion in Jerusalem


Ikonen schreiben

Wer sich die Zeit nimmt, eine Ikone zu betrachten, wird spüren, dass eine besondere Faszination von ihr ausgeht. Je länger wir eine Ikone betrachten, desto deutlicher fühlen wir, dass sie einen Zugang zu uns sucht. Sie möchte unser Innerstes berühren. Sie erwidert spürbar unseren suchenden Blick.

Ikonen ziehen in ihren Bann durch die Ruhe, die sie ausstrahlen. Ihnen wohnt eine göttliche Stille inne, die ansteckend und einladend ist. Nicht die Ikone selbst strahlt diese Ruhe aus, sondern die Heiligen, die darauf dargestellt sind. Gerade in unserer lauten, schnelllebigen Zeit brauchen wir Ikonen. Denn die Stille, die sie ausstrahlen und aus der wir Kraft schöpfen können, ist uns beinahe abhanden gekommen. Wir nehmen uns kaum noch Zeit für Stille und Kontemplation. Unser Leben wird immer schnelllebiger und lauter und so übertönen wir die göttliche Stimme in uns, die leise zu uns sagt: "Sei still und erkenne, dass ich Gott bin!"

Die Orthodoxie versteht die Ikone als Spiegelbild des Allerhöchsten, zeitlos und ewig. Denn sie erinnert nicht nur an Christus und die Heiligen, sondern vermittelt deren höchst reale geistige Gegenwart. Die Ikone wird somit zu einer Tür, die uns in eine heilige Zeit und in einen heiligen Raum eintreten lässt, indem sie uns zu einer lebendigen Begegnung mir der dargestellten Person bringt.

Die Ikone ist das geschriebene Wort in Farbe. Sie ist eine heilige Kunst. Sie erinnert unaufhörlich an die Menschwerdung Christi. Sie ahmt sozusagen die Fleischwerdung, die Menschwerdung Gottes nach.

Wenn wir Ikonen betrachten, dann schauen wir uns kein Kunstwerk an, sondern wir blicken in die göttliche Dimension. Für einen Moment sehen wir die Realität, wie sie wirklich ist, von Gottes Lichtglanz erfüllt, in Harmonie mit Gott und vereint mit ihm. Das Unvorstellbare wird greifbar!

Die Ikone will Abbild des Unsichtbaren sein. Sie bildet den Übergang von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt. Sie vermeidet ganz absichtlich natürliches Aussehen, wie wir es kennen. Sie ist ein Fenster, die das Göttliche sichtbar macht und braucht der irdischen Welt nicht ähnlich zu sein. Sie wird nur im meditativen Schauen erfahrbar. Durch sie können wir in die Ewigkeit schauen. Durch sie kann Gott aus der Ewigkeit auf uns schauen.

Die Ikone erschließt sich uns nur, wenn wir mit den Augen unseres Herzens auf sie schauen, wenn wir unser Herz berühren lassen. Nur mit unseren inneren Augen, den Augen unseres Herzens, können wir das göttliche Licht in uns und um uns herum wahrnehmen.

Der Ikonenmaler ist kein Künstler im eigentlichen Sinn. Er bringt in seinen Ikonen nicht sich selber zum Ausdruck. Vielmehr möchte er durch Demut und Bescheidenheit ein Instrument für Gottes Offenbarung werden. Deshalb findet man seinen Namen auch nirgendwo auf der Ikone.

Ikonen zu malen hat etwas zutiefst Heilendes. Es kommt zu einer Begegnung. Diese Begegnung, dieses Einssein mit Gott und den Heiligen ist heilsam für den, der die Ikone malt und den, der sie betrachtet.

Ikonen wollen uns verändern. Sie wollen uns helfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie wollen unsere Sicht der Dinge verändern, uns aus unseren mitunter festgefahrenen Ansichten und Überzeugungen herauslocken und unseren Blick auf das lenken, was wirklich zählt: Gottes Gegenwart in uns!

Wenn wir uns Zeit nehmen, auf die Ikone zu schauen, werden wir spüren, wie der göttliche Blick heilsam auf uns ruht.

Wir sind immer wieder eingeladen, ihn zu erwidern!

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